Saldenmechanik

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Wolfgang WALDNER & C.G.BRANDSTETTER, 14. Februar 2013

Geldsystem und Konjunktur mittels Saldenmechanik


Eine einzelne Wirtschaftseinheit kann nur sparen (im Sinne von Ausgabenreduktion) und ihr Geldvermögen erhöhen (wie auch Verbindlichkeiten reduzieren), wenn andere Wirtschaftseinheit[en] Defizite hinnehmen. Der Gesamtheit der Wirtschaftseinheiten ist Geldvermögenserhöhung (bzw. Schuldenminderung) durch Ausgabenverzicht systemisch nicht möglich.

Werden alle Privaten (Unternehmen, Bürger) in nur zwei Sektoren dargestellt, so wird ersichtlich, dass ein teilweiser Ausgabenverzicht (Sparen an den Ausgaben) des einen Sektors einen Einnahmenausfall für den komplementären Sektor bedeutet. Der komplementäre Sektor kann um diesen reduzierten Teil der Einnahmen insofern auch weniger ausgeben (exkl. Schuldenaufnahme). In der Folge erzielt der erste (linke) Sektor nun ebenso geringere Einnahmen. Bei diesem Beispiel sinkt das gesamtwirtschaftliche Niveau der Einnahmen um den anfangs eingesparten Betrag. Dieses volkswirtschaftliche Paradoxon wird als Sparparadoxon bezeichnet. Überwunden kann dieses Paradoxon nur werden, wenn andere Sektoren bereit sind, sich zumindest um den Anteil des entzogenen Sparguthabens (des linken Sektors) neu zu verschulden, denn die Ausgaben des Einen sind die Einnahmen eines Anderen:



Zu ihren Kreditvergaben benötigen große Banken keinerlei (bereits gutgebuchte) Spareinlagen (Geldsparvermögen ihrer Kunden). Vom jeweiligen Kreditinstitut werden Gutschrift wie Kreditschuld (aus Bankensicht Verbindlichkeiten wie Forderungen) in gleicher Höhe auf die Konten des jeweiligen Kreditnehmers gebucht. Gibt der Kreditnehmer die aus der Kreditgewährung gutgebuchte Gutschrift weiter an einen Dritten aus, entsteht damit vorübergehend in jeweiliger Höhe neues Giralgeld (bei Kreditgewährung im Gleichschritt fließt dieses den großen Banken letztlich nicht ab) und dieses steht damit der Konjunktur theoretisch (solange Kreditsummen an anderer Stelle des Bankensystems nicht getilgt werden) zusätzlich zur Verfügung:



Die Quintessenz der Lehre von Keynes brachte der deutsche Ökonom Wilhelm Lautenbach 1931 auf eine knappe und prägnante Formel: Das Verhältnis von Sparrate und Investitionsrate bestimmt den Konjunkturverlauf. Ob also neue Kreditaufnahmen überhaupt konjunkturwirksam werden, hängt von der Relation zu den (toten) Geldvermögen (nicht nachfragenden Einnahmeüberschüssen) ab. Erst wenn der auf Kredit finanzierte Ausgabenüberschuss die nicht nachfragende Sparvermögensbildung (Konsumverzicht aus der Vorperiode) überragt, stehen um die überragende Summe der Konjunktur zusätzliche Einnahmen zur Verfügung. Wesentliche Parameter, die das Wirtschaftswachstum bestimmen, sind also erhöhtes Investitionsverhalten (höhere Kreditschöpfung als Kreditschrumpfung) sowie reduziertes Spar-, also erhöhtes Ausgabenverhalten (verringerte Sparquote). Trotzdem sind nach Ablauf einer Wirtschaftsperiode (im nachhinein berechnet) Ausgabenüberschüsse (I) wie Einnahmenüberschüsse (S) in ihrer Höhe ausgeglichen (aus der Nettokreditaufnahme zusätzliche Ausgaben haben das Geldvermögen in gleicher Relation erhöht), woraus folgt: I => S, nicht umgekehrt.


Damit Kreditnehmer ihre Rückzahlungen leisten können, müssen diese durch nachträglichen Konsumverzicht die jeweilige Höhe (aus dem Markt zurück) erringen, wofür rechnerisch entweder Sparer eigene Geldvermögen verbrauchend oder Nachschuldner benötigt werden.

Per Saldo (unter dem Strich) resultiert für Wirtschaftsunternehmen (Nichtbanken) daraus gesamtwirtschaftlich weder Kostendeckung noch Profit
(siehe auch Saldenmechanik Teil II):


Da sich private Kredittilgungen im Endeffekt mit neuen Kreditaufnahmen meist in der Waage halten und somit rechnerisch gegenseitig wieder aufheben, können Einnahmeüberschüsse der privaten Haushalte per Saldo nur finanziert werden aus der Summe:
Ausgabenüberschüsse der Unternehmen + Ausgabenüberschuss des Staates (Staatsdefizit) + Ausgabenüberschuss des Auslands (Leistungsbilanzdefizit)



Daraus folgt, dass eine Senkung des jährlichen Staatsdefizits (Neuverschuldung) in einer Boomphase durchaus durch Investitionskredite der Unternehmen abgelöst werden kann. In einer rezessiven Phase kann eine Defizitsenkung oder gar der (scheinbare) Versuch einer Rückführung der jeweiligen Staatsverschuldung die gewohnten Einnahmen der privaten Haushalte (sofern ausländische Staaten zu kompensierender Neuverschuldung nicht gewillt sind) nur schmälern - und damit die Höhe der möglichen Ausgaben verknappen:



Unsere Ausgaben bestimmen unsere Einnahmen und die Produktion in Boom oder Krise. Unsere Einnahmen sind immer so hoch wie die Produktion - die Produktion ist so hoch wie die Güternachfrage. Aber die Ausgaben sind nicht unbedingt so hoch wie das vorhandene Produktionspotential an Ausstattung und Arbeitskräften.

Da in einer (typischerweise aufgrund gesamtwirtschaftlicher Ausgabenreduktion[en] eingeleiteten) Abschwungphase die zukünftige Ertragslage (Unternehmen) kaum abzuschätzen ist, reduzieren Unternehmen ihren Bedarf nach Investitionskrediten. Wenn manche Unternehmen investitionsbereit trotzdem nach Krediten fragen, wird Bonität streng geprüft - Kredite insofern selten vergeben. Daraus beginnt eine gesamtwirtschaftliche Kreditklemme zu wirken und Ausgaben, Einnahmen wie BIP sinken weiter. Hinzu kommt der Spardruck derjenigen, die noch über Einkommen verfügen und vorsichtshalber möglichst auf Ausgaben verzichten, um Reserven zu bilden. Der Volkswirtschaft fehlende Einnahmen können nicht mehr ausgeglichen werden. Arbeitsplatzverluste und Lohnsenkungen reduzieren Ausgaben wie Einnahmen weiter und beschleunigen die Abwärtsspirale:


  • Wolfgang Stützel, 1958: Volkswirtschaftliche Saldenmechanik. Ein Beitrag zur Geldtheorie., S. 69: "Die Summe der Zahlungsmittelbestände der Nichtbanken wächst, sobald Zahlungen, durch die der Zahlende seine Bankschulden vermehrt oder seine längerfristigen Forderungen an Banken vermindert, an Zahlungsempfänger gehen, die sie weder zur Rückzahlung von Bankschulden verwenden noch in längerfristigen Guthaben bei Banken anlegen (sogenannte Geldschöpfung). Die Summe der Zahlungsmittelbestände der Nichtbanken schrumpft, sobald Zahlungen den umgekehrten Weg gehen, also von Wirtschaftssubjekten, die durch diese Zahlungen weder ihre Bankschulden vermehren noch ihre längerfristigen Bankenguthaben vermindern, zu Zahlungsempfängern, die sie zur Rückzahlung von Bankkrediten und/oder Bildung längerfristiger Bankguthaben verwenden (sogenannte Geldvernichtung)."
  • Wolfgang Stützel, 1981: Zum Einfluß der öffentlichen Verschuldung auf den Kapitalmarktzins. In: Staatsverschuldung kontrovers. Köln, 1981, S. 50-51:
    Bei einer Nettokreditaufnahme des Staates verschwinden die aufgenommenen Mittel nicht in irgendwelchen Horten, sondern werden (wieder) ausgegeben, der Staat tätigt in gleichem Maße einen Ausgabenüberschuss, und die aufgenommenen und ausgegebenen Mittel fließen letztlich irgendwelchen anderen Wirtschaftssubjekten (in ihrer Eigenschaft als Lieferanten, Vorlieferanten, Arbeitnehmer u. a.) zu. Alle diese Wirtschaftssubjekte (Unternehmen und private Haushalte, Inländer und Ausländer) zusammengenommen weisen dann genau den entsprechenden Einnahmeüberschuss auf, der gleichzeitig und zwangsläufig als Gegenstück zum staatlichen Ausgabenüberschuss entsteht. Im Zuge jeder Erhöhung der staatlichen Nettokreditaufnahme, d. h. erhöhter staatlicher Ausgabenüberschüsse (verglichen mit dem vorangegangen Zeitraum oder mit vorher bestehenden Plänen), erhöht sich also der Einnahmeüberschuß der Gesamtheit aller übrigen Wirtschaftssubjekte in genau dem gleichen Maße; bei einigen von ihnen spiegelt sich dies in Form höherer Einnahmeüberschüsse, bei anderen in Form niedrigerer Ausgabenüberschüsse wider.
  • Wilhelm Lautenbach, 1936/37 (Hrsg. Wolfgang Stützel, 1952): Zins, Kredit und Produktion (PDF, 231 Seiten) - insbesondere S. 34: „Um den Gegensatz zur traditionellen Theorie besonders hervortreten zu lassen, kann man den Tatbestand pointiert so ausdrücken: Es wird nicht die Investition durch die Ersparnisse, sondern umgekehrt die Ersparnis durch die Investition bestimmt: Die Ersparnis ist ein reiner Verteilungsbegriff. Das Sparen entscheidet nicht über die Gesamtgröße der Investitionen, sondern nur über den Anteil der Wirtschaftssubjekte an dem Vermögenszuwachs, den die Volkswirtschaft durch die Investition erfährt.“ , und S. 48: „Leistet ein Kreditor an einen Debitor, so schrumpft die Kreditsumme, leistet ein Debitor oder einer, der durch die Zahlung Debitor wird, an einen, der nicht Debitor ist, so erhöht sich die Kreditsumme. Sie bleibt aber gleich, wenn ein Debitor an einen anderen Debitor oder ein Kreditor an einen anderen Kreditor leistet.“
  • Heiner Flassbeck, 2000: Gesamtwirtschaftliche Paradoxa und moderne Wirtschaftspolitik (PDF, 15 Seiten)
  • Johannes Schmidt, 2012: Normative und institutionelle Grundfragen der Ökonomik: Sparen - Fluch oder Segen? (PDF, 27 Seiten)
  • Patrick Schreiner, 2012: Kein Wachstum auf Pump? Wie Merkel & Co. entscheidende Fragen nicht stellen
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